Petra (Dezember 1998)

 

Sandra Bullock – Pool Position

 

Sie ist der Goldfisch im Haifischbecken Hollywood: Doch Sandra Bullock, derzeit mit zwei Filmen im Kino, will nicht nur dauernd hübsch glänzen. Uns erzählte sie warum...

 

Auf Sandra Bullock lastet ein Fluch.

In ihrem neuen Film "Zauberhafte Schwestern" (seit dem 17.12. im Kino) spielt sie an der Seite von Nicole Kidman eine junge Frau, die magische Fähigkeiten geerbt hat. Die Kehrseite der Medaille: Die Männer der Zauberinnen kommen alle unter mysteriösen Umständen ums Leben ... Auch auf der Privatperson Sandra Bullock lastet eine Art Fluch. Der Fluch. Amerikas Vorzeige-Schnuckel zu rein: frisch, fröhlich, optimistisch, immer ein strahlendes Lächeln auf den Lippen - das „nice girl" vom Dienst eben. Beim Interviewtermin in Los Angeles zeigte sich der Superstar eher nachdenklich und sprach mit uns über Misserfolge, Frustphasen und Vertrauen.

 

petra: Femme fatale, ferne Filmgöttin: Dieses Image haben andere. Sie jedoch gelten als pflegeleichtes Sonnenscheinchen, das jeder gern umarmen mochte ...

Sandra Bullock: Mmh ...

petra: Sie reagieren sehr sparsam. Was stört Sie denn am Nettsein?

Bullock: Freundlichkeit wird einem immer als Schwäche ausgelegt. Nur weil ich Leute mit Respekt behandle, meine schlechte Laune an niemandem auslasse und selten rumbrülle, bin ich noch lange kein Weichei. Himmel, ich leite schließlich eine Produktionsfirma.

petra: Und da lassen Sich schon mal die autoritäre Chefin raushangen?

Bullock: Ich bin der Boss. Punkt. Und als Boss muss ich häufig Entscheidungen treffen, die unbequem Bind. Wenn man mich wegen meiner Durchsetzungsfähigkeit nicht mag, dann kann ich gut damit leben.

petra: Können Sie Verantwortung auch mal abgeben, oder trauen Sie ändern gar nichts zu?

Bullock: Früher war das tatsachlich so. Ich war ein entsetzlicher Kontroll-Freak. Nach dem Motto: Ich kann alles besser. Das ging so weit, da$ ich immer darauf bestanden habe, die Restaurant-Rechnung zu bezahlen. Ich wollte mir noch nicht einmal in den Mantel helfen lassen. Heute sehe ich das schon viel gelassener.

petra: Aber so ganz können Sie das Bestimmen doch nicht lassen. .,Zauberhafte Schwestern" und ,Eine zweite Chance" sind beides Filme, die Sie mit produziert haben. Wie wichtig ist Ihnen Macht?

Bullock: Macht? Schön wär's, wenn ich die hätte. Als Produzentin investiere und riskiere ich eigenes Geld - davon habe ich mittlerweile ja genug. Ich nehme zwar kreativen Einfluss und bin mit vollem Einsatz und Enthusiasmus dabei. Aber das Endergebnis kann ich beim besten Willen nicht kontrollieren. Selbst aus einem tollen Drehbuch kann ein Gurkenfilm werden.

petra: Stichwort Gurke: Mit „Speed 2“ haben Sie gründlich Schiffbruch erlitten. Wie gehen Sie mit Misserfolgen um?

Bullock: Pannen haben auch etwas Positives. Wenn ich eine Schlappe einstecken muss, sehe ich die Welt mit anderen Augen und begreife, dass ich auf dem Holzweg war.

petra: Das stecken Sie also einfach so weg?

Bullock Überhaupt nicht! Ich bin kein Stehaufmännchen, das sofort wieder neu durchstartet. Ich erlaube mir Trauerphasen, auch wenn die landläufig als uncool angesehen werden.

petra: Wie sehen Ihre Trauerphasen aus? Bullock: Nach beruflichen oder privaten Fehlschlagen bin ich eine Zeitlang am Boden zerstört. Das ist gesund. Ich laufe schlampig rum, und die Haare stehen mir zu Berge, weil ich sie nicht kämme. Man muss sich in solchen Situationen seinen Gefühlen ausliefern. Das verlangt Mut.

petra: Gut, wenn man in solchen Momenten Freunde hat. Haben Sie welche?

Bullock: ja, aber nur eine Handvoll. Mein innerer Zirkel wird immer kleiner. Und ich habe kein Interesse daran, ihn auszudehnen. Bevor ich echte Freundschaften schließe, vergeht schon eine Ewigkeit.

petra: Ist es schwer, Menschen zu vertrauen, wenn man wie Sie einige Millionen Dollar auf dem Konto hat? Bullock: ja. Geld vergiftet generell. Manchmal diejenigen, die es haben - aber ganz bestimmt diejenigen. die wissen, da$ man's hat. petra: Hat Sie diese Erkenntnis misstrauisch gemacht?

Bullock: ja. Früher war ich gutgläubig und unglaublich naiv. Das ist vorbei.

petra: Sie scheinen ein sehr verschlossener Mensch zu sein. Woher kommt das?

Bullock: Schlechte Erfahrungen prägen. Wir alle haben eine Vergangenheit und tragen schweres Gepäck mit uns herum. Emotionale Altlasten kann man nicht ignorieren. Mein Herz ist mittlerweile ein dunkler Ort. Aber bei aller Melancholie erlebe ich auch überwältigende Glücksmomente.

petra: Wann passiert das?

Bullock: In Augenblicken absoluter Stille und Ruhe, wenn mich äußere Einflüsse nicht erreichen. In solchen Momenten berste ich vor Lebenslust und fühle mich reich und beschenkt.

petra: Sie sprechen nur von Momenten. Glück ist also für Sie kein Zustand, der andauert ?

Bullock: Ich stelle mir Glück wie eine Torte vor. Aber man bekommt nur ein Stück nach dem anderen auf dem Teller serviert. Wer den ganzen Kuchen auf einmal haben will, der kriegt ihn einfach nicht. Und bleibt fordernd und hungrig.

petra: Im Moment haben Sie ziemlich viel Appetit. Sie stopfen schon die ganze Zeit Studentenfutter und Weingummis in sich hinein.

Bullock: Oh Mann, das ist so eine üble Marotte von mir. Ich kann's einfach nicht lassen.

petra: Welche schlechten Angewohnheiten haben Sie sonst noch?

Bullock: Bis fünf Uhr morgens in irgendeinem Schuppen abhotten. Und Rotwein trinken.

petra: Kennen Sie ein gutes Rezept gegen Kater?

Bullock: Das beste ist: alle Verabredungen für den nächsten Tag absagen. Ein guter Freund von mir isst immer, bevor er loszieht, das Herz von einem Kopfsalat. Er schwort darauf. Sollten Sie auch mal ausprobieren. vielleicht klappt's ja.

 

Interview: Carolin Streck

© 1998 Petra

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